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Kapitalakkumulation, überall – Das 20. Jahrhundert

August 2, 2009

Kurzbeschreibung: Hörbuch zum Abschnitt »Der verlorene Traum und der kapitalistische Furor« aus dem Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft (PDF, ~2,4 MB). Es geht darin vor allem um die nachholende Modernisierung der Sowjetunion und die nationalsozialistische Krisendiktatur.

Sendereihe: Sachzwang FM

Mitwirkende:
Moderation & Sprecher: Dr. Indoktrinator
Autor: Robert Kurz (EXIT!)

Links zum Beitrag: Beschreibung auf FRN

Gesamtlänge: 2 Stunden

Audiocharakteristika: mp3, mono, 40 kbit/s, 34,3 MB

Download: In einem Stück via AArchiv oder via Mediafire; oder in zwei je einstündigen Teilen: 1, 2.

Textgrundlage:

Der verlorene Traum und der kapitalistische Furor

Die kapitalistische Metamorphose der Zweiten industriellen Revolution läßt sich als die Herausbil-
dung identischer Grundstrukturen im Systemzusammenhang des Durchbruchs zum fordistischen
Vollkapitalismus für die Sowjetunion, das nationalsozialistische Deutschland und die USA glei-
chermaßen darstellen. Vor diesem gemeinsamen Hintergrund werden dann aber auch die
historischen Unterschiede deutlich. Das gilt zunächst und ganz besonders für die staatskapitalisti-
sche Sowjetunion. Diese Gesellschaft kann im Verhältnis zu den USA und Nazi-Deutschland als die
im strengen Sinne historisch ungleichzeitige betrachtet werden - als Prototyp der staatsökonomi-
schen »nachholenden Modernisierung« im 20. Jahrhundert. Hier ist ebenso wie später in China und
in den »nationalen« Revolutionen der Dritten Welt das Pathos der Französischen Revolution her-
auszuhören. Als Französische Revolutionen des Ostens und des Südens repräsentierten diese
Regimes ein wirklich jugendliches Stadium des modernen warenproduzierenden Systems und seiner
»abstrakten Arbeit«, gewissermaßen zeitrelativistisch einen früheren Aggregatzustand. Was das
diktatorische Moment anbelangt, war demzufolge die Sowjetunion im Vergleich zum deutschen Na-
tionalsozialismus keine Krisen-, sondern eine Entwicklungsdiktatur. Immanent betrachtet ist das ein
entscheidender Unterschied.
     In diese Konstellation eingeschlossen ist eine gewisse historische Zwangslage für die sowjeti-
sche »nachholende Modernisierung«. Und genau auf dieser Ebene hätte eine Relativierung und
»Historisierung« des sogenannten Stalinismus oder überhaupt der Sowjetdiktatur anzusetzen, also
genau umgekehrt wie bei Holte. Nicht etwa um die spezifischen sowjetischen Staatsverbrechen zu
entschuldigen, sondern um einer Problemlage kapitalistisch peripherer Weltregionen gerecht zu
werden, die für Nazi-Deutschland eben gerade nicht geltend gemacht werden kann. Diese Zwangs-
lage der Sowjetunion war eine doppelte.
     Zum einen konnte sie keinen grundsätzlich anderen Entwicklungspfad mehr einschlagen als
den vom westlichen Kapitalismus vorgezeichneten, auch wenn sie sich kapitalismuskritisch legiti-
mierte. Aber diese Legitimation konnte eben nur noch die Konkurrenz der »nachholenden«
Peripherie gegenüber dem Zentrum ausdrücken. Historisch war der Weltprozeß bereits im 18. Jahr-
hundert (und in mancher Hinsicht noch früher) entschieden worden. Die Späteinsteiger des 20.
Jahrhunderts gingen zwar von anderenorts bereits Geschichte gewordenen Bedingungen aus, aber
sie befanden sich natürlich nicht wirklich im 17. oder 18. Jahrhundert, sondern agierten in einer be-
reits kapitalistisch umgeformten Welt. Das war nicht nur die Welt »da draußen«, weit weg im
Westen, sondern auch die Präsenz des kapitalistisch vorausgeeilten Westens im Inneren dieser Ge-


sellschaften selbst, und zwar nicht nur in technischer Hinsicht oder als längst objektivierte Abhän-
gigkeit der Peripherie vom Weltmarkt und seinen Kriterien. Vielmehr war auch das
»Weltbewußtsein« bereits ein kapitalistisch geformtes, das von kapitalistisch geprägten Medien ka-
pitalistische Kategorien und Kriterien in die Intelligenz aller Weltregionen getragen hatte. Und in
diesem Sinne war der kupierte Marxismus der Sowjetideologie keineswegs allein ein Produkt der
russischen »Unterentwicklung« unter dem Zarenregime, sondern vor allem eine Erscheinungsform
des kapitalistisch domestizierten sozialistischen und Arbeiterklassen-Bewußtseins im allgemeinen
(daher auch die Emphase der »Westernization« bei Lenin und Stalin). Als Ableger und integraler
Bestandteil der vom Westen ausgehenden staatssozialistischen Ideologie war der russische Bol-
schewismus bereits gefiltert durch die westliche Geschichte der Anpassung an die »abstrakte
Arbeit« des warenproduzierenden Industriesystems. Woher sollte da eine »unschuldige« Neube-
stimmung gegen den Strom der Geschichte kommen?
     Zum ändern aber bedeutete diese Ungleichzeitigkeit in einer von den Standards des zeitgenös-
sischen Kapitalismus bestimmten Welt, daß auch der Nachtrag auf dem vom Westen
vorgezeichneten Entwicklungspfad nicht einfach bloß denselben Prozeß mit derselben Geschwin-
digkeit wiederholen konnte, sondern auf dem Niveau des 20. Jahrhunderts einsteigen mußte.
Einerseits wiederholte sich also die »ursprüngliche Akkumulation« des Kapitals in den staatsöko-
nomischen Formen des 17. und 18. Jahrhunderts mit einer veränderten, staatssozialistischen
Legitimation, andererseits mußte dieser Prozeß unter hohem Kapitaleinsatz bereits als industrieller
stattfinden; und nicht nur als industrieller schlechthin, sondern unter den Bedingungen und in den
Formen eines Protofordismus. Die Belastung, die den Massen auferlegt wurde, war also eine dop-
pelte: sie hatten nicht nur die Kosten (und die Greuel) der Implementierung eines modernen
warenproduzierenden Systems zu tragen, sondern auch die Kosten einer aus dem Boden gestampf-
ten Industrie mit zeitgenössischen Produktivitätsstandards.
     Was heute als »Verbrechen des Kommunismus« in der apologetischen Literatur westlicher hur-
rademokratischer Ideologen akribisch aufgelistet wird, war nichts anderes als die zeitlich
komprimierte Wiederholung der frühkapitalistischen Schrecken. Die Lager des Gulag als die Kon-
sequenzen einer vermeintlich antikapitalistischen Alternative zu definieren (womit natürlich jeder
Gedanke an eine wirkliche Alternative ausgetrieben werden soll) und dabei die Hölle der kapitali-
stischen Durchsetzungsgeschichte über mehrere Jahrhunderte hinweg schlicht zu vergessen - auf
diesen Einfall können nur in demokratischer Verdrängungsleistung geschulte »wissenschaftliche
Historiker« kommen. Die Hungersnot der frühen 30er Jahre mit Millionen von Toten war die Folge
einer rigiden Industrialisierungspolitik, deren Kosten besonders aus der großen Masse der Landbe-
völkerung herausgepreßt wurden. Ein volles Jahrzehnt dieser ungeheuren Repression müßte
allerdings, wenn man schon akribisch zu zählen anfängt, gegen ein bis zwei volle Jahrhunderte der-
selben Qualität aufgerechnet werden, die in der westlichen Modernisierungsgeschichte angefallen
waren. Aber Menschenleben kann man so nicht aufrechnen. Mit alledem ist immer nur gesagt, daß
das moderne warenproduzierende System in keinem Fall die Leidenskosten seiner Durchsetzungs-
geschichte wert ist.
     Die Menschenopfer der sowjetischen Industrialisierung waren jedoch nicht den Folgen einer
kapitalistischen Krise geschuldet, sondern einem gewaltsamen Aufbau von (staats)kapitalistischen
Industriesystemen und der Durchsetzung von Normen der »abstrakten Arbeit«. Zur selben Zeit, als
der vorausgeeilte Westen im Strudel der Weltwirtschaftskrise versank und die Irrationalität eines
entwickelten Kapitalismus sich an der massenhaften Stillegung der Produktion erwies, hatte die
Sowjetunion hohe Wachstumsraten. Die aus der Bevölkerung herausgepreßten Mittel verwandelten
sich in Geldkapital, mit dem im Ausland Investitionsgüter für die Industrialisierung eingekauft
wurden. Der US-amerikanische Journalist H. R. Knickerbocker schrieb darüber sogar einen Bestsel-
ler mit dem Titel »Der rote Handel lockt« (1931). Dabei fielen hohe Milliardenbeträge an. Es ist
eine der bösen Ironien der Geschichte, daß die forcierte Industrialisierung der Sowjetunion auf diese
Weise sogar dämpfend (wenn auch nicht entscheidend) auf die westliche Weltwirtschaftskrise wirk-
te:

»Die Sowjetunion war [...] als einziger bedeutender Staat der Weltwirtschaftskrise entgangen [...]
Eine ganze Anzahl deutscher Facharbeiter war in sowjetischen Fabriken beschäftigt, und ihre Ent-
lohnung war, wie selbst Industrielle zugestanden, >nicht ungünstigIch
habe nicht genug gespart, ich SchafskopfEin
schlechtes LandNein, ein gutes Land, aber eine schlechte
Zeit< , lautet die Antwort. Solange selbst die Arbeitslosen so denken, brauchen sich die Herren
Amerikas trotz der Krise keine ernsten Sorgen zu machen [...] Dieses Fundament der amerikani-
schen Weltanschauung ist durch die Krisennot bisher nicht erschüttert [...] Hunger ist Privatsache
[...], daraus, daß man auf der Schattenseite der Wirtschaft steht, darf man keine politischen Ansprü-
che herleiten [...] Die Not muß, wie der Reichtum, als individuelles Schicksal empfunden werden
und gewahrt bleiben [...]«(Lewinsohn 1932,231 ff.).

Das bedeutet keineswegs, daß es in den USA überhaupt kein Aufbegehren gegen die Krise gab.
Aber dieses Aufbegehren hatte keine oder nur eine geringe ideologische Dimension, so militant die
meistens spontanen Aktionen auch aussehen mochten:

»Protestmärsche der Farmer, Hungerdemonstrationen in den Städten, Plünderungen und Straßen-
kämpfe mit der Polizei gehörten seit 1931 zum täglichen Leben. In Chicago erschoß die Polizei
1932 drei Demonstranten, in Dearborn bei Detroit tötete sie unter Einsatz von Maschinengewehren
vier Menschen und verwundete fünfzig. Aber es war erstaunlich, wie wenig es den Linksparteien
gelang, die unzufriedenen Massen zu organisieren« (Sautter 1994, 393).

Schon seit dem 19. Jahrhundert hatten Arbeitskämpfe in den USA nicht selten gewaltsame Formen
angenommen. Aber solche Konflikte, oft beiderseits mit Schußwaffen ausgetragen, standen eher in
der Tradition von Pioniersitten und Selbstjustiz; sie blieben punktuell und ohne nachhaltigen poli-
tisch-organisatorischen Niederschlag, der die kapitalistische Individualisierung konterkariert hätte.
Man konnte sich an Hungermärschen beteiligen und trotzdem die Krise ideologisch als Privatsache
oder wenigstens als eine gemeinsame Naturkatastrophe betrachten, die keineswegs nach einer
grundsätzlichen Änderung der Produktions- und Lebensweise verlangte. Diese affirmative Auffas-
sung einigte die verschiedenen Funktionsebenen der Gesellschaftsmaschine in einem schon vor dem
Fordismus historisch eingeübten egalitären Bewußtsein.
     In Europa dagegen gab es nicht nur eine tief verwurzelte ständische und patriarchate, längst
anachronistische Tradition der »Herrschenden«, sondern auch die dumpfe Erinnerung an die nie-
derkartätschten alten Sozialrevolten gegen die »abstrakte Arbeit«. Aus dieser Geschichte war jenes
tiefe Mißtrauen der kapitalistischen Eliten gegen das eigene Menschenmaterial zurückgeblieben,
das ja schon Bismarck zur völligen Fehleinschätzung der Sozialdemokratie veranlaßt hatte. Das war
auch der Grund, warum in Europa, selbst in England und Frankreich, die »staatsbürgerlichen Rech-
te« für die Arbeitermassen den liberalen und liberalkonservativen Regimes nur mühsam abgerungen
werden konnten; abgeschlossen wurde dieser Prozeß ja erst nach 1918. In dieser ganzen Zeit hatte
sich daher die Arbeiterbewegung als eine Art kapitalistische Parallelgesellschaft oder als Lager
»außerhalb der Stadtmauern« formiert, obwohl sie ja selber nichts anderes mehr als die »abstrakte
Arbeit« wollte. So gab es also seit dem späten 19. Jahrhundert nicht ein individuelles Verhältnis auf
verschiedenen Funktionsebenen zur Gesellschaftsmaschine, das nun fordistisch transformiert wer-
den konnte, sondern statt dessen eine zur Eskalation tendierende Wechselwirkung von »offiziellem«
Kapitalismus und einer zwar domestizierten, aber dennoch separat organisierten Arbeiterbewegung.
     Einerseits neigten in dieser Konstellation die offiziellen Eliten dazu, in jeder Krise Panikgefüh-
le zu entwickeln und zwecks vermeintlicher »Gesellschaftsrettung« mit brutalem Verbotsdruck
noch gegen die harmlosesten staatstreuen Arbeitervereine vorzugehen, ja sogar vor Gemetzeln, De-
portationen und Polizeigreueln aller Art nicht zurückzuschrecken (das gab es im Einzelfall zwar
auch in den USA, aber nicht als gesamtgesellschaftliches und vor allem nicht als politisch transfor-


miertes Grundmuster). Andererseits wurde durch dieses Vorgehen die staatstreue Sozialdemokratie
gewissermaßen wider Willen tatsächlich zum »Alternativ-Leviathan« gemacht, der zwar voll und
ganz in den kapitalistischen Kategorien befangen war, aber eben nicht »herangelassen« wurde.
Durch den Weltkrieg war diese Konstellation erstmals aufgebrochen worden, dennoch drohte in der
Weltwirtschaftskrise die alte Panik wieder hochzusteigen. Und in der am meisten krisengeschüttel-
ten deutschen Gesellschaft geschah das tatsächlich. Faschistische Diktaturen entstanden in dieser
Zeit bekanntlich auch in Italien und Spanien; ähnliche Regimes kamen in der osteuropäischen Peri-
pherie ans Ruder.
     Die kapitalistische »Gesellschaftsrettung« von 1933 in Deutschland gewann ihre diktatorische
Dynamik allerdings weniger durch die Existenz der im großen und ganzen bereits eingebundenen
Sozialdemokratie, sondern vielmehr durch das Auftreten der konkurrierenden Kommunistischen
Partei (KPD), die im Strudel des ökonomischen Zusammenbruchs den eigentlichen Gegenpol zu
den Nazis zu bilden schien. In der geschichtsklitternden Selbstlegitimation der westlichen deutschen
Nachkriegsdemokratie wurde daraus die Legende, die Weimarer Republik als erste deutsche Demo-
kratie sei durch den Ansturm links- und rechtsradikaler Fanatiker schmählich gemeuchelt worden;
und nach der bedauerlichen Unterbrechung durch die Nazi-Diktatur habe die in den Westen inte-
grierte Bundesrepublik an die friedlich-schiedliche Marktwirtschaftsdemokratie der
Zwischenkriegszeit anknüpfen können.
     Diese offizielle Interpretation der Geschichte schlägt der Wahrheit ins Gesicht. Abgesehen da-
von, daß ein derart apologetisches Konstrukt natürlich die innere Identität von Demokratie und
Diktatur im Übergang zur Zweiten industriellen Revolution sowieso verfehlt, stimmt es nicht ein-
mal immanent betrachtet. Denn die Nazi-Partei kam nicht nur auf dem legalen Weg demokratischer
Wahlen und eines parlamentarischen Procedere zur Macht, sondern dem »Ermächtigungsgesetz«
stimmten sämtliche bürgerlichen Parteien zu, allen voran die Liberalen - darunter auch der nach
dem Krieg als liberaldemokratische intellektuelle und politische Repräsentationsfigur herausgestell-
te spätere Bundespräsident Theodor Heuss (1884-1963). Dies entsprach durchaus dem Willen aller
bürgerlichen Schichten und einer Bevölkerungsmehrheit, die nicht Menschenrechte und vermeintli-
che »Freiheiten« für alle verteidigen wollten, sondern zwecks »Gesellschaftsrettung« vor der
»kommunistischen Gefahr« massiv die braune Diktatur vorzogen.
     Auf den Punkt gebracht: Es war nicht im entferntesten so, daß die unschuldige »erste deutsche
Demokratie« unter den bösartigen »Schlägen von links und rechts« zusammengebrochen wäre.
Vielmehr waren es diese Demokratie, ihre tragenden Schichten, Eliten und politischen Repräsentan-
ten selbst, die unter den Bedingungen einer katastrophalen kapitalistischen Krise ihr wahres
diktatorisches Gesicht offen zeigten und die Demokratie von innen heraus, ihrer eigenen Logik ge-
mäß, in die braune Diktatur verwandelten. Jene »zerstörende Wucht und Berserkerwut«, die
Richard Löwenthal angesichts der rauchenden Trümmer dem Nationalsozialismus attestierte, waren
die letzte Konsequenz dieser Demokratie selbst, ihre eigene innerste Natur. Von der Vorgehenswei-
se her sah diese Diktatur in vieler Hinsicht (Verhaftung, Folterung und Tötung »innerer Feinde«,
Verbot der Gewerkschaften usw.) den diversen Maßnahmen zur »Gesellschaftsrettung« liberalkon-
servativer Regimes seit dem 18. Jahrhundert zum Verwechseln ähnlich. Ein Unterschied bestand
allerdings darin, daß die Nazis, dem fordistischen Entwicklungshorizont entsprechend, selber als
»Arbeiterpartei« auftraten und den »führersozialistischen Arbeitsstaat« des »schaffenden Kapitals«
verkündeten.
     Die auch bei den Kommunisten tief verwurzelte Arbeitsreligion kann es also nicht gewesen
sein, was sie zur »Gefahr aller Gefahren« stempelte. Für die »Arbeit« als höchsten aller Werte tra-
ten ausnahmslos alle Parteien und Strömungen ein. Die Kommunisten repräsentierten jedoch für das
bürgerliche Bewußtsein (mittlerweile unter Einschluß der Sozialdemokratie) und seine Halluzina-
tionen mehr und etwas anderes, als sie wirklich waren; nämlich eben jenes dunkle und uneingelöste
Moment sozialer Emanzipation, das in der Marxschen Theorie verborgen ist und das an die Grund-
festen der kapitalistischen Zumutungsgesellschaft rührt, auch wenn es im westlichen
Kommunismus ebenso wie in der Sowjetunion nur noch als Spurenelement oder eben in negativer,
apologetisch abgewehrter Gestalt aufscheinen konnte - viel zu schwach, um die Kraft für eine histo-
rische Wende gegen den Strom der Modernisierung aufzubringen. Aber es enthüllt den
erbarmungslosen und fanatischen Furor im diktatorischen Moment des Kapitalismus, auch in seiner
entwickeltsten demokratischen Form, daß selbst die schwache Ahnung, der bloße Hauch einer auch
nur von fern denkbaren Selbstbestimmung der Produzenten gegen die »Naturgesetze« der Gesell-


schaftsmaschine einen derart monströsen Haßausbruch der gesamten von Furcht geschüttelten bür-
gerlichen Krisengesellschaft in Deutschland auszulösen vermochte.
      Der gesamtbürgerliche Haß mündete aus diesem Zusammenhang heraus auch deswegen in den
Blutstrom der Nazi-Diktatur, weil Deutschland das einzige westliche Land war, das in den gesell-
schaftlichen Erschütterungen nach dem Weltkrieg parallel zu Rußland den Versuch erlebt hatte,
Räte hervorzubringen und die Räte-Idee theoretisch wie praktisch aufzugreifen. Weder in Frank-
reich noch in England oder gar den USA war trotz aller Krisenerscheinungen ein auch nur entfernt
ähnliches Experiment aufgetaucht. Ansonsten hätte auch in diesen Ländern die liberale Demokratie
ihre wahre Fratze gezeigt. Die Räte standen freilich auch in keiner deutschen Tradition sozialer
Bewegung, sondern sie wurden gerade von jenem völlig minoritären Flügel unter Rosa Luxemburg
forciert, der schon vergeblich gegen den Krieg opponiert hatte und sowieso ein Fremdkörper in der
deutschen Arbeiterbewegung geblieben war; nur unter den Zusammenbruchsbedingungen unmittel-
bar nach dem verlorenen Weltkrieg konnte dieser Flügel vorübergehend eine gewisse
Ausstrahlungskraft gewinnen.
      Natürlich wurde dieser Versuch sehr schnell von Sozialdemokratie und Gewerkschaften (ähn-
lich wie unter anderen, härteren Bedingungen in der Sowjetunion) wieder erstickt und in die
fordistische Rationalisierungs- und Standortdebatte transformiert; was übrigblieb in Gestalt der
»Betriebsräte« als subalterne Hilfssheriffs der betriebswirtschaftlichen Rationalität, war einigerma-
ßen erbärmlich und ähnelt bis heute eher den Mitverwaltungsorganen der Nazi-»Arbeitsfront« als
einer sozial emanzipatorischen Institution. Aber schon das schwache Auftreten einer darüber hi-
nausgehenden Räte-Idee, deren Konsequenzen gegen das System der »abstrakten Arbeit« selbst von
der winzigen Minderheit der äußersten Linksradikalen nicht durchdacht waren, genügte dem Furor
der »schönen Maschine« und ihrer Repräsentanten bereits. Das für die kapitalistische Bewußtseins-
lage nachhaltige Schreckgespenst jener ultrakurzen Traumblüte der Räte unmittelbar nach 1918 und
die in Europa beispiellose Gewalt der Weltwirtschaftskrise verschränkten sich in Deutschland zu
einem spezifischen Komplex, um eine ebenso beispiellose Krisendiktatur aus dem faulen Schoß der
kapitalistischen Demokratie zu gebären.
      Als der deutsche Kommunismus zum irrationalen Haßobjekt der gesamten bürgerlichen Gesell-
schaft und schließlich abgeschlachtet wurde, war er längst weit von jeder sozialemanzipatorischen
Perspektive entfernt. Die KPD mutierte im Laufe der 20er Jahre wie alle westlichen Kommunismen
zu einem bloßen Repräsentationsorgan der Sowjetunion ohne eigene theoretische und historische
Substanz. Die Räte-Idee war nicht konsistent entwickelt und hätte in ihren Konsequenzen über das
in der gegebenen Konstellation Denkbare hinausfuhren müssen; als bloß abstrakte soziale Militanz
auf dem Boden des warenproduzierenden Systems und seiner Arbeitsreligion aber war dieser
»Kommunismus« im Westen überflüssig wie ein Kröpf und konnte kaum mehr als ein fluktuieren-
des Sammelbecken von Deklassierten und Arbeitslosen abgeben (die andererseits gleichzeitig auch
für die Nazi-Partei einen Teil der Massenbasis bildeten).
      Wo die kommunistische Partei in westlichen Ländern wie Frankreich (und später Italien) einen
relativ größeren Einfluß erreichte, geschah dies nur deshalb, weil sie nach dem Schisma schon früh-
zeitig einen Teil der sozialdemokratischen Ideologeme und »Aufgaben« übernahm. Obwohl die
Kommunisten dabei überall auch Momente des Nationalismus aufgriffen, galten sie doch bald nur
noch als »5. Kolonne Moskaus«, besonders in Deutschland. Das fachte den blinden Haß des kapita-
listischen Bewußtseins nur noch mehr an, bezog er sich doch nunmehr auf eine doppelte
Repräsentanz des »Fremden«: einmal auf den vagen, verlorenen Traum einer Emanzipation von der
modernen Gesellschaftsmaschine überhaupt, zum ändern auf die importierte Ideologie eines kon-
kurrierenden Systems der »nachholenden Modernisierung« an der unruhigen Peripherie.
      In einer vergleichbaren Konstellation des überdurchschnittlich zugespitzten inneren Wider-
spruchs hätte es wohl auch in jedem anderen westlichen Land, die USA eingeschlossen, irgendeine
Diktatur der »Gesellschaftsrettung« gegeben, wenn auch sicher nicht mit derselben ideologischen
Legitimation wie bei den Nazis. Das kapitalistische Trauma der kurzzeitig aufgetauchten Räte, die
unklar erfaßte Konkurrenzmacht im Osten und der eigene ökonomische Zusammenbruch ließen die
noch unsichere deutsche Bentham-Demokratie also von innen heraus zur braunen Diktatur mutie-
ren, die den fordistischen Schub nachhaltiger und unter brutaler Ausschaltung aller störenden
Momente durchzusetzen versprach. Die Sozialdemokratie war dabei keine Alternative, weil sie an-
gesichts der schweren gesellschaftlichen Erschütterung und ihrer noch nicht gefestigten Einbindung
als Sub-Leviathan dem kapitalistischen Furor keine ausreichende Plattform bieten konnte. Anderer-


seits war sie natürlich um so weiter davon entfernt, irgendein Bündnis mit dem soeben abgespalte-
nen feindlichen Bruder der kommunistischen Partei eingehen zu können, da sie weder mit der
Repräsentanz der »nachholenden Modernisierung« im Osten irgendetwas anfangen konnte noch mit
dem negativen Potential der Arbeitslosenmassen, ganz zu schweigen von der Räte-Idee, die sie ja
selber massiv erstickt hatte. Umgekehrt gab es auch bei den inhaltlich (theoretisch und programma-
tisch) längst demoralisierten Kommunisten nicht erst seit Stalins Terrorpolitik keinen
Berührungspunkt mehr, der gesellschaftlich hätte greifen können; und sei es auch nur, um die fordi-
stische Umwälzung in einer weniger katastrophalen Weise auf den Weg zu bringen.
     Aber auch wenn sie nicht mehr die Hauptrolle spielen konnte, machte sich die Sozialdemokra-
tie doch wenigstens um die Mutation der Demokratie zur Krisendiktatur verdient, in getreuer
Fortsetzung ihrer nationalistischen Kriegspolitik. Daß diese Demokratie nicht irgendein »besseres
Deutschland« repräsentierte, sondern selber den Terror im Leib trug, stand ihr von Anfang an ins
Gesicht geschrieben. Die bentham-demokratische Formierung der Massen hatte nicht nur in den
Blut- und Schlammlöchern des Weltkriegs ihren Ursprung, sie war auch in ihrer offiziellen Nach-
kriegs-Konstitution auf Mord gegründet, und zwar direkt unter sozialdemokratischer Leitung. Die
Leichen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die stellvertretend für die Toten der »Gesell-
schaftsrettung« von 1918/19 stehen, waren gewissermaßen wie ein archaisches Menschenopfer in
den Grundstein dieser Demokratie eingemauert. Und das war kein historischer »Unfall«, sondern
legte den wahren Charakter der Demokratie offen.
     Besonders Rosa Luxemburg vereinte in ihrer Person alles, was das kapitalistische Bewußtsein
im allgemeinen und das Krisenbewußtsein im besonderen bis aufs Blut haßte: das Jüdische, das
Ausländische (Polin!), das Weibliche in einer nicht einmal haustierhaft kuschenden Gestalt (Theo-
retikerin!) und den Linksradikalismus mit seiner vagen Erinnerung an die Zukunft einer
undenkbaren Befreiung vom System der »abstrakten Arbeit«. Sicher war auch Rosa Luxemburg in
den bürgerlichen Kategorien des Arbeiterbewegungs-Marxismus befangen, sie konnte natürlich
nicht aus einer schon langen Geschichte der Domestizierung oppositionellen Denkens einfach hin-
ausspringen; aber mit ihrer Theorie einer objektiven inneren Schranke des kapitalistischen Systems
und der notwendigen »Selbsttätigkeit der Massen« kam sie doch von allen zeitgenössischen Denk-
positionen am nächsten an die radikale Kritik der »schönen Maschine« mitsamt ihrer politischen
Menschenverwaltung heran. Deshalb war es mit zwingender Konsequenz die erste Tat der Demo-
kratie, »wehrhaft«, wie sie stets war und ist, dieser 49jährigen Frau mit Gewehrkolben den Schädel
zu zertrümmern.
     Bei »Gefahr im Verzüge« muß eben manchmal etwas außerhalb des Rechtswegs durchgegrif-
fen werden. Das ist keineswegs überzogene Polemik. Obwohl die »Spartakus«-Gruppe um Rosa
Luxemburg keinerlei Massenbewegung repräsentierte, erschien schon allein ihr an die Grenzen des
bürgerlichen Universums stoßendes Denken als ungeheure »Gefahr« und mußte deshalb um jeden
Preis ausgelöscht werden. So wurden einige hundert bewaffnete Arbeiter zum »Spartakus-
Aufstand« stilisiert. Im Grunde genommen ging es darum, den zum Material degradierten Men-
schen von Anfang an zu zeigen (buchstäblich einzuhämmern), wo die unüberschreitbaren Grenzen
des demokratischen Käfigs mit Blut gezogen waren. Der Sozialdemokrat Gustav Noske (1868-
1946), Reichwehrminister der neuen Republik, outete sich in diesem Sinne mit dem berühmt ge-
wordenen Satz: »Einer muß der Bluthund werden; ich scheue die Verantwortung nicht« (zit. nach:
Strübel 1996, 113). Diese Mutation von verhausschweinten Funktionären zu Kampf- und Bluthun-
den des Kapitalismus war abzusehen.
     Die l. Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Befehl des Hauptmanns Waldemar Pabst
übernahm im Auftrag Noskes und der sozialdemokratisch geführten Regierung die Drecksarbeit.
Als die Leichen zur Schau gestellt wurden, freute sich die ganze junge Demokratie. Es war gewis-
sermaßen die Vorfreude auf die Häutung der Weimarer Demokratie zur Nazi-Diktatur. Die liberale
und höchst intellektuelle »Vossische Zeitung« (Thomas Mann publizierte dort seine Essays) gab
gutgelaunt kund, daß »an den beiden terroristischen Führern eine Art Volksgericht vollstreckt wor-
den ist« (zit. nach: Strübel, a.a.O., 114). Der »Vorwärts«, das Zentralorgan der SPD, äußerte sich
ebenfalls voller Genugtuung:

»Die Niederwerfung des Spartakusaufstandes bedeutet für unser Volk, ganz besonders auch für die
Arbeiterklasse, einen Akt der Rettung, den zu vollbringen wir vor der Geschichte verpflichtet waren
[...]«(a.a.O., 115).


Friedrich Ebert (1871-1925), ehemaliger Sattlergeselle und sozialdemokratische Führungsperson,
der kurz nach dem Mord zum oberdemokratischen Reichspräsidenten gekürt wurde, äußerte dem
Leipziger SPD-Funktionär Albert Konzowski gegenüber triumphierend: »Albert - noch zwei sol-
cher Siege wie die über Liebknecht und Luxemburg, und wir haben gesiegt« (a.a.O., 110).
Selbstverständlich wurden die Täter von der Anklage des Mordes freigesprochen. Hauptmann
Pabst, dem ein langes und friedliches Leben beschieden war, rühmte sich noch in den 60er Jahren,
als unbescholtener Bürger der neuen Demokratie, in verschiedenen Äußerungen seiner »gesell-
schaftsrettenden« Tat:

»Ich habe richten lassen [...] Es lag nicht nur im Interesse unseres Deutschlands [...], sondern der
Sieg des Kommunismus in Deutschland hätte bereits 1919 das gesamte christliche Abendland zum
Einsturz gebracht. Die Beendigung dieser Gefahr wog bestimmt wesentlich mehr als die Beseiti-
gung von zwei politischen Verführern [...] Wir müssen uns endlich zu unserer Vergangenheit
bekennen [...], niemand braucht sich zu schämen für das, was er getan hat. Ich habe den Männern
den Auftrag gegeben. Sie haben ihn ordnungsgemäß ausgeführt. Die Leute haben sich um Deutsch-
land verdient gemacht [...] Nur einer von den Herrschaften hat richtig begriffen, was wir für unser
deutsches Vaterland getan hatten. Noske. Er hat mir die Hand gedrückt« (a.a.O., 117ff.).

In demselben Geist, der bei ihrer Gründung Pate gestanden hatte, vollzog sich auch der innere Ge-
staltwandel der Demokratie zur Krisendiktatur. Auch diesmal versuchten Sozialdemokratie und
Gewerkschaften bis zuletzt, in der nationalen Loyalität aufzugehen. Als der l. Mai 1933 von den
siegreichen Nazis zum »Tag der nationalen Arbeit« erklärt und damit ironischerweise eine alte For-
derung der Arbeiterbewegung erfüllt wurde, gaben die Gewerkschaften einen bereits in passendem
Vokabular (das ja großenteils aus dem Weltkriegs-Wortschatz der Sozialdemokratie selbst stammte)
verfaßten Aufruf zur Beteiligung heraus:

»Kollegen und Kolleginnen! [...] Wir begrüßen es, daß die Reichsregierung diesen unseren Tag zum
gesetzlichen Feiertag der nationalen Arbeit, zum deutschen Volksfeiertag erklärt hat [...] Der deut-
sche Arbeiter soll am l. Mai standesbewußt (!) demonstrieren, soll ein vollberechtigtes Mitglied der
deutschen Volksgemeinschaft werden [...] In herzlicher Kameradschaft mit euch allen unerschütter-
lich verbunden, senden wir euch zu diesem Tag unseren gewerkschaftlichen Gruß. Berlin, 15. April
1933. Der Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes« (zit. nach: Scharrer
1984,113).

Als der Tag herankam, trottete in Berlin fast die gesamte Arbeiterbewegung im Riesenaufmarsch
der Nazi-Kolonnen mit, wie der linke Schriftsteller Franz Jung als Augenzeuge berichtete:

»Zum ersten Male in der Geschichte sollte [...] auf dem Tempelhofer Feld eine Masse von andert-
halb Millionen Menschen auf einem einzigen Platz versammelt werden [...] Der Allgemeine
Deutsche Gewerkschaftsbund hatte die ihm angeschlossenen Freien Gewerkschaften angewiesen,
sich geschlossen und in möglichst großer Zahl an dem Aufmarsch zu beteiligen. Das taktische Ziel
mag gewesen sein, den neuen Machthabern den guten Willen zur Zusammenarbeit zu zeigen [...];
der Vorsitzende des ADGB, Genösse Leipart, hatte sich Hitler zur Verfügung gestellt. So sind an
diesem Tage die sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter, die gewerkschaftliche Elite
der deutschen Arbeiterschaft, auf dem Tempelhofer Feld marschiert, eingestreut zwischen den SA-
und SS-Standarten von Groß-Berlin, der Hitler-Jugend, den Ortsgruppenführern, Blockwarten, dem
Bund Deutscher Mädchen, dem Nationalsozialistischen Reiter-Sturm, dem NS-Kraftfahrer-Korps,
dem NS-Fliegerkorps und der NS-Frauenschaft [...] sind marschiert die Berufsgruppe Metall in et-
wa 20 Teilkolonnen, die Berufsgruppe Verkehr mit den Eisenbahnern [...], die Berufsgruppe Papier
und Druck, Chemische Industrie, Textil [...]« (zit. nach: Scharrer, a.a.O., 7f.).

Der Gewerkschaftsvorsitzende Theodor Leipart (1867-1947) hatte den Nazis schon die Gewerk-
schaftskasse angeboten; am 2. Mai 1933 kam die SA und holte sie sich unaufgefordert: die
Gewerkschaftshäuser wurden besetzt, die Organisationen aufgelöst. Das hinderte die Sozialdemo-
kratie nicht, sich im Parlament noch einmal der Nazi-Diktatur anzudienen. Hatte sie noch gegen das
»Ermächtigungsgesetz« gestimmt, so begrüßte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 17.


Mai 1933 die außenpolitische Erklärung Hitlers. Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Hoegner (1887-
1980) erinnert sich später mit immer noch schwülstigen Worten:

»Jetzt kam die Abstimmung. Unsere Nachbarn zur Rechten, die katholischen Parteien, blickten voll
Erwartung auf uns. Wir erhoben uns mit ihnen und stimmten der Erklärung des deutschen
Reichstags zu. Da brach ein Beifallssturm der anderen Abgeordneten los. Selbst unser unversöhnli-
cher Gegner, Adolf Hitler, schien einen Augenblick bewegt. Er erhob sich und klatschte uns Beifall
zu [...] Dann fingen die deutschnationalen Abgeordneten das Deutschlandlied zu singen an. Die
meisten in unseren Reihen sangen mit. Manchen liefen die Tränen über die Wangen [...]«(zit. nach:
Scharrer, a.a.O., 8).

Man sollte niemals vergessen, bei welchen Gelegenheiten die Sozialdemokratie immer wieder sen-
timental wird. Einen Monat später wurde auch die SPD verboten. Die Krisendiktatur der Nazis war
so angelegt, daß sie im Zuge einer protofordistischen »Gleichschaltung« der Gesellschaft auf allen
Ebenen keinerlei Pluralismus dulden konnte. Auch alle anderen Parteien, sozialen und kulturellen
Organisationen wurden schließlich aufgelöst und durch einheitliche Sub-Gebilde der Nazis ersetzt,
deren Mitgliedschaft sich großenteils (manchmal durch Zwang, mehr aber noch freiwillig) aus den
früher unabhängigen Organisationen rekrutierten. Das galt auch für die nationalsozialistische
»Deutsche Arbeitsfront«, die an die Stelle der Gewerkschaften trat. Der innere Drang des Kapita-
lismus, mit aller Gewalt aus der Weltwirtschaftskrise herauszukommen und die fordistische
Vollkapitalisierung durchzupeitschen, nahm unter den besonders verschärften deutschen Bedingun-
gen die Form einer Krisen- und Gleichschaltungs-Diktatur an, die in ihrer Eigendynamik nicht
einmal mehr auf potentielle sozialdemokratische »Bluthunde« zurückgreifen wollte.
      Das war der Sozialdemokratie nicht bewußt, die 1933 im Prinzip genauso reagierte, wie sie
schon 1914 und 1918/19 reagiert hatte und wie es ihrem Wesen als Abkömmling von Aufklärungs-
vernunft und Liberalismus entsprach. Da die Position einer Emanzipation von dieser Geschichte
und damit vom System der »abstrakten Arbeit« nicht real besetzt war, konnte es nur noch darum
gehen, in welcher Form und von welchen Kräften Krisendiktatur und fordistische Zwangsmobilisie-
rung durchgesetzt wurden.
      Es resultierte zwar nicht aus einer theoretisch überlegenen Position und adäquaten Analyse,
sondern entsprang im Gegenteil bloß einem kurzsichtigen Konkurrenzhaß zweier unreflektierter po-
litischer Lager, daß die Kommunisten in ihrer hölzernen Propaganda Nazis und Sozialdemokraten
unmittelbar identisch setzten und den Propagandabegriff des »Sozialfaschismus« prägten. Aber
ganz unabhängig vom verkürzten und mechanischen Denken seiner Urheber, in einem ihr Ver-
ständnis übersteigenden Sinne, enthielt diese Bezeichnung durchaus ein Wahrheitsmoment.
Natürlich handelte es sich auf der politischen Erscheinungsebene bei Nazis und Sozialdemokraten
nicht um identische Strömungen, und die Sozialdemokratie war auch nicht einfach eine Unterabtei-
lung der Nazis. Aber betrachtet im Kontext einer Metamorphose des warenproduzierenden Systems
zur fordistischen Stufe der »abstrakten Arbeit«, die in einer fundamentalen Krise mit anschließen-
dem Staatsterrorismus kulminierte, waren Sozialdemokratie und Nationalsozialismus in demselben
Sinne verwandt, wie es der US-Fordismus und die Sowjetunion waren. Die deutschen Kommuni-
sten dagegen, nach der Ermordung von Rosa Luxemburg ohne eigenständiges Denken und
historisch substanzlos, waren schon aus der Geschichte herausgefallen.
      Man muß sich nur einmal mit aller Schärfe bewußt machen, wie sich die Sozialdemokratie
1918/19 zur imaginären Bedrohung durch Rosa Luxemburg mit ihrer kleinen Gruppe und wie sie
sich 1933 zur realen Bedrohung durch die Nazis verhielt, um den Charakter der Demokratie über-
haupt zu begreifen. Es geht hier nicht um bloße Symbolik des nationalen Wahns und auch nicht
allein um die Kräfteverhältnisse. Dieses Verhalten macht vielmehr deutlich, daß das innerste Wesen
der Demokratie selber terroristisch ist, was sich in der Krise sofort manifest äußert. Immer wird im
Zweifelsfall Rosa Luxemburg totgeschlagen und Noske oder Hitler demokratisch ermächtigt. Die
sozialdemokratischen Ideenträger als historische Vorreiter und glühendste Verfechter der Demokra-
tie lagen im Grunde genommen schon seit 1848 in vorauseilender nationaler Arbeitsund
Staatsgläubigkeit vor Hitler auf dem Bauch, ganz abgesehen davon, daß sie ihm die »national-
sozialistischen« Stichworte geliefert hatten. Die Demokratie selber war der Schoß, aus dem das
kroch.

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