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Die Erhöhung des Tiers und die Erniedrigung des Menschen. Zur Debatte um den (Anti-)Speziesismus

August 10, 2010

Der Mensch ist dem Tier gleich in seiner Leidensfähigkeit und ist doch als geist- und kulturbegabtes Wesen mehr als ein Tier, mehr als nur Naturwesen. Diese (Nicht-)Identität von Mensch und Tier ist Dreh- und Angelpunkt der innerlinken Auseinandersetzung um politischen Veganismus und das Konzept des sog. Antispeziesismus. Fordern die einen – über bürgerlichen Tierschutz hinaus und gegen die staatsidealistischen Versuche der Tierrechtsbewegung, “nichtmenschlichen Individuen” zum Subjektstatus zu verhelfen – die Abschaffung aller Einrichtungen der Herrschaft von Menschen über Tiere im Zuge einer sozialen Revolution und den Verzicht auf tierische Produkte im Hier und Jetzt, so sehen die andern in der Grenzverwischung zwischen Mensch und Natur Aufklärungsverrat, Zivilisationsfeindschaft und Antihumanismus und verweisen auf die völkischen Wurzeln der Tierschutzbewegung in Deutschland.
Ich möchte hier einiges zu dieser Problematik versammeln.

  1. Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet. Von Volker Sommer. SWR2 Aula vom 22.11.2009.
    Der Glaube an einen prinzipiellen Unterschied zwischen Tier und Mensch ist weit verbreitet. Doch diese Auffassung ist – aus naturwissenschaftlicher Perspektive – nicht mehr zu halten. Die Evolutionsbiologie zeigt: Mensch und Tier unterscheiden sich nur graduell, das betrifft die Emotionen, die Kognition, das Verhalten.

    Download (ca. 28 Minuten, 13 MB)

  2. Das Philosophische Radio mit Markus Wild über Mensch und Tier

    Download: via WDR5 | via MF (24 MB; 52 Minuten)

  3. Radio Dreyeckland, Freiburg: (Anti-)Speziesismus – eine tierische Studiodebatte

    Antispeziesismus ist die angesagte Bewegung. Auch in Freiburg werden die Aktivist_innen zahlreicher.
    Die Antispes wenden sich dagegen, dass Tiere aufgrund ihrer Spezies als minderwertig wahrgenommen und vom Menschen ausgebeutet werden. Speziesismus gilt ihnen als antiemanzipatorische gesellschaftliche Ideologie, vergleichbar mit Sexismus oder Rassismus.
    Ist der Antispeziesismus also eine überfällige Voraussetzung für emanzipatorische Politik? Oder eine gefährliche Herabsetzung von Menschen?
    Diese und weitere Fragen wurden im Studio mit vier Gästen diskutiert. Geladen waren Niels, ein selbsternannter Speziesist, zwei vegane TierrechtsaktivistInnen, die beide unter anderem in der AntiSpe Freiburg aktiv sind und Winni, der kürzlich einen Anti-AntiSpe-Text im Korraktor verfasst hat. Dabei standen die Themen Mensch-Tier-Verhältnis, Herrschafts- und Zivilisationskritik, das Konzept Anti-Speziesismus sowie ökologische Folgen des Fleischkonsums auf dem ambitionierten Programm der spannenden Diskussionsstunde.

    Download via FRN in vier Teilen (45 MB, ca. 50 Minuten)

  4. Jan Gerber und Michael Bauer: Who killed Bambi? Über das regressive Bedürfnis der Tierfreunde
    Aufnahme vom Januar 2007,57 Minuten.

    Im Sommer des letzten Jahres sollte in der Reilstrasse 78 ein Vortrag über das „regressive Bedürfnis der veganen Tierrechtsszene“ stattfinden. Das Zentralkomitee des Hauses konnte es allerdings nicht ertragen, in seinen heiligen und garantiert fleischlosen Hallen Kritisches über seine Religion, den Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass sowie die Frage, warum sich auch Nazis regelmäßig mit „Go-vegan“-T-Shirts schmücken, zu hören. Der Vortrag wurde kurzerhand verboten. Die Veranstaltung wird nun, wie versprochen, nachgeholt. Und zwar definitiv nicht im Mief der Reilstrasse 78.

    Als sich ein Bär, der schnell auf den Namen Bruno getauft wurde, im Sommer in die bayrisch-österreichische Grenzregion verirrte, mutierten die Deutschen parteiübergreifend zum ideellen Gesamtwildhüter. Zeitungen und Nachrichtensendungen berichteten über fast zwei Monate hinweg fast täglich über den „Problembären“, Kinder beteten und zeichneten für ihn, und eine Homepage, die ein kostenloses Bruno-Computerspiel anbot, wurde zu einer der beliebtesten deutschen Internetseiten. Die Hysterie steigerte sich schließlich zum offenen Wahnsinn, als der Bär Ende Juni erlegt wurde. Ganze Schulklassen hielten Schweige- und Gedenkminuten ab, die regionale Tourismusbranche beklagte sich darüber, dass tausende Feriengäste aus Empörung über den Abschuss Abstand von einem Urlaub in der Region genommen hätten, und im Internet wurde ein Kondolenzbuch eingerichtet, dessen Server aufgrund der Überlastung – nach Angaben der Betreiber gab es zeitweise mehr als zehntausend Anfragen pro Sekunde – kurzfristig abgeschaltet werden musste.
    Auf dieser Homepage erklärten die Tierfreunde nicht nur, dass Bruno „einer von uns“ gewesen sei. Sie brachten vielmehr regelmäßig ihre Vernichtungsphantasien zum Ausdruck: Die Jäger, die den Bären erlegt hatten, „sollte man ebenso abschlachten wie Bruno“, sie sollten „hingerichtet“ und „abgeknallt“ werden, und die Verantwortlichen für den Tod des Bären sollten „selbst mal erfahren, was es bedeutet, immer nur gehetzt zu werden“. Die Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien beschränkten sich aber nicht nur auf diejenigen, die im Fall des Bären tätig geworden waren. Innerhalb kürzester Zeit warteten die Tierfreunde vielmehr mit weiteren Vorschlägen auf, wer noch alles an Stelle des Tieres hätte getötet werden sollen. Während der Bär, der nur „mal zu Besuch kommt“, „ermordet“ worden sei, so beschwerte sich ein Naturliebhaber, bekämen Vergewaltiger und Kindermörder „auf Staatskosten“ lediglich „eine Tätschel-Tätschel-Therapie“, Kinderschänder „laufen frei rum und sind gefährlicher als ein Bär“ usw.
    Aus diesen Aussagen sprechen nicht nur Verfolgungs- und Vernichtungsbedürfnisse . Sie signalisieren zugleich, dass die Naturfreunde längst nicht mehr bereit sind, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu machen. Sie geben damit wieder, was vegane Tierrechtler, die derzeitigen Vorreiter der deutschen Tierliebe, seit Jahren propagieren: Tiere sind die besseren Menschen. Während sich ein Teil dieser Szene noch um eine Gleichsetzung von Mensch und Tier bemüht und beispielsweise den Holocaust mit Massentierhaltung vergleicht, predigt ihre Avantgarde bereits das „sanfte Verschwinden der Menschheit von der Erde“. Die Welt der Tierfreunde ist dabei sauber in Gut und Böse unterteilt: Auf der einen Seite stehen die veganen Weltretter und ihre vier- und mehrbeinigen Freunde; auf der anderen Seite befinden sich fiese Tierfeinde, die von Profitgier, Blutrausch und Genusssucht angetrieben werden. Die Mehrheit der heutigen Tierrechtler zögert zwar, diese Personifikation der gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zu konkretisieren und die „Mächte des Bösen“, von denen eine Veganer-Crew aus Essen vor einigen Jahren sprach, mit Name und Anschrift zu benennen. Die inoffiziellen Urväter der Bewegung – das völkische Milieu des 19. Jahrhunderts – waren hier allerdings weniger zimperlich; Richard Wagner und seine Freunde hatten auf die Frage „Who killed Bambi“ eine eindeutige Antwort parat: die Juden.
    Im Rahmen des Vortrags soll nicht nur gezeigt werden, warum die Tierfreunde mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier lediglich exekutieren, was ohnehin auf der Tagesordnung steht. Es sollen zugleich die Fragen gestellt werden: In welcher Tradition steht die deutsche Tierliebe? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Tierliebe und Menschenhass? Und: Woher stammt das obsessive Verhältnis veganer Tierrechtler zu Splattervideos aus Schlachthöfen und Fotos von zerstückelten Tieren, ohne die offenbar keine ihrer Kampagnen auskommt?

    Veranstaltet von der AG Antifa im Stura und der ag no tears for krauts

    Download: via MF (19 MB) | via Rapidshare (50 MB)

    Diskussion des Vortrags u.a. auf veg.gs und im Corax-Forum.

  5. Rosa Luxemburg: Der Büffel. Aus den Briefen aus dem Gefängnis.
    Vertont zu hören auf lesung.podspot.de
    Luxemburgs Ausführungen über den geschundenen Büffel verdeutlichen eine Ambivalenz der Mensch-Tier-Gleichsetzung. “Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht”, schreibt sie. Denn nur unter den Verhältnissen von Herrschaft und Ausbeutung, die zwischen Mensch und Tier keinen Unterschied (mehr) machen, ist dieser jenem gleich – im Leiden. Zugleich wird der Mensch in seinem Leiden dem Elend der Tiere gewahr, das für jene ebenso unerträgliche Realität ist wie für ihn. Luxemburgs Beobachtung enthält darüber hinaus einen Hinweis auf die Ursachen der Tierquälerei, die in eben jenen Verhältnissen der Herrschaft entspringt. Schließlich fügen die Soldaten dem Büffel das Leid zu, das sie – keineswegs unverschuldet – selbst erfahren: “Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid”.

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