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Die Verwilderung des Patriarchats in der Postmoderne

September 3, 2010

(Überblicksblatt im Beitrag Frank Rentschlers ergänzt.)

Roswitha Scholz stellt in diesem Vortrag eine abspaltungstheoretische Deutung der Geschlechterverhältnisse in der Globalisierung dar und macht einige Ausführungen zur Kritik von Queer-Konzepten. Inhaltlich handelt es sich um dasselbe Referat wie das im Mai in Berlin aufgezeichnete. Allerdings ist dieses etwas länger und besonders hinsichtlich der Behandlung der Queer-Problematik umfangreicher (besonders in der Diskussion).

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V. August 2010.

Download via MF: Vortrag (1:08 h, 28 MB), Diskussion (35 min, 14 MB)

Ankündigungstext:

Wertkritik war lange Zeit androzentrisch verfasst und ist es zum Teil heute noch. Und Arbeiten etwa zur „neuen Marxlektüre“ scheren sich um die hierarchischen Geschlechterverhältnisse kaum. Dem stellt sich die Wert-Abspaltungskritik entgegen.Nach der Darstellung einiger grundsätzlicher Aspekte der Wert-Abspaltungstheorie, insbesondere im Verhältnis zu den Grundkategorien des Kapitals, sollen in dem Vortrag die nach wie vor asymmetrischen Geschlechterverhältnisse in der Globalisierungsära in Augenschein genommen werden.

In der Moderne bildeten sich neue Geschlechtervorstellungen aus. Dem „Mann“ wurden Eigenschaften wie Rationalität, Charakterstärke, Durchsetzungsvermögen etc. zugeschrieben; die „Frau“ wurde hingegen mit Emotionalität, Sinnlichkeit, Charakterschwäche usw. in Verbindung gebracht: Männer sollten für die Öffentlichkeit und das Erwerbsleben geschaffen sein, Frauen von “Natur“ aus für die Tätigkeiten in der Privatsphäre (Liebe, Hege, Pflege, „Hausarbeit“). Derartige Vorstellungen, die zunächst auf das Bürgertum beschränkt waren, breiteten sich mit fortschreitender Entwicklung auf alle Klassen und Schichten aus. Bestimmte Momente der Reproduktion, die nicht in der „abstrakten Arbeit“ aufgehen, wurden von der offiziellen Gesellschaftlichkeit abgespalten und an die Frauen delegiert. Bei der Integration von Frauen in Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit blieb dieses Abspaltungsverhältnis erhalten und setzte sich auch in diesen Bereichen fort. Die Abspaltung ist kein aus dem Wertverhältnis abzuleitender „Sekundärbereich“, sondern durchzieht die gesellschaftliche Totalität und ist kategorial „gleichursprünglich“ und auf derselben Abstraktionsebene zu fassen. Daraus ergibt sich ein anderer, gebrochener Begriff „konkreter Totalität“ als im bisherigen androzentrisch-universalistischen Verständnis.

Seit den 1950er Jahren hat sich das Wert-Abspaltungsverhältnis mit fortschreitender Erwerbstätigkeit von Frauen modifiziert und zugespitzt. Dabei kommt es in der Postmoderne einer Aufweichung des traditionellen Geschlechterarrangements: Frauen haben mit den Männern bildungsmäßig gleichgezogen und werden „doppelt vergesellschaftet“ (Regina Becker-Schmidt), d.h. sie sind für Familie und Beruf gleichermaßen zuständig. Umgekehrt droht nun auch Männern eine „Hausfrauisierung“ im Zuge des Prekärwerdens der Beschäftigungsverhältnisse. Die Institutionen Familie und Erwerbsarbeit erodieren, ohne dass neue tragfähige Sozial- und Reproduktionsformen an ihre Stelle treten. Dem grundsätzlichen Verfall der Ökonomie entspricht eine Verwilderung des Patriarchats in der Globalisierungsära, so meine These.

In der Kollaps-Situation droht Frauen heute vor allem die Funktion von Krisenverwalterinnen zugewiesen zu werden. Sie kommen dann vermehrt an die „Macht“, wenn der Kapitalismus an die Wand fährt; bei gleichzeitiger Zuständigkeit für den Reproduktionsbereich und die abgespaltenen Momente überhaupt. Grundsätzlich betont werden muss schließlich noch einmal, dass sich die Wert-Abspaltungskritik keineswegs bloß auf die Geschlechterproblematik im engeren Sinne bezieht. Vielmehr bestimmt die Wert-Abspaltung als Grundprinzip die gesamte Gesellschaft wesentlich, was auch in der Krisenanalyse zum Ausdruck kommen muss.

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